Der Trank der Götter

DIE GESCHICHTE DES HONIGS

Honig, der Trank der Götter & Allahs


Wenn vom Bienensterben die Rede ist, geht ein Raunen durch das Land. Die Filmserie „Biene Maja“ und der gleichnamige Song Karel Gotts in den 70er Jahren sprachen unser Gefühl für dieses kleine, pelzige und fleißige Wesen an. Seitdem schlagen die Bienen jene Menschen in ihren Bann, die sich einen Blick für den Zauber der Natur bewahrt haben. Die Biene wurde die Botschafterin einer intakten Natur.

So lernt heutzutage jedes Schulkind etwas über die Honigbiene. In der Grundschule werden die Kinder mit den Bienenprodukten Honig und Wachs vertraut gemacht. In den weiterführenden Schulen werden auch die besonderen Eigenarten des Bienenvolkes behandelt, von denen bei den Schülern meistens der Schwänzeltanz, die Arbeitsteilung und die Bestäubungsleistung – etwa 60% aller Pflanzen werden von Bienen/Insekten bestäubt – hängen bleiben.

Honig & Wachs


Von Beginn an hatte die Biene und ihr Honig für den Menschen eine besondere Bedeutung. Ihr Gabe, quasi aus dem Nichts dieses so Köstlich-Süße zu schaffen, wurde bewundert und mystifiziert; in vielen Kulturen bekamen die Bienen und ihr Honig eine mystisch-religiöse Bedeutung.

Der Honig war 1 Millionen Jahre das einzige Süßungsmittel der Menschen. Stellen wir uns heute unsere Supermärkte ohne Schokolade und Bonbons vor und unseren Küchenschrank ohne den Raffinadezucker. Wie hoch wäre unsere Wertschätzung für den Honig? So ging es jedenfalls den Menschen von Beginn an (Lucy in Ostafrika) bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als die industrielle Gewinnung des Zuckers aus Zuckerrüben gelang.

Hinzu kamen die heilenden Wirkungen des Honigs und Wachs, was seit den Alten Ägyptern übermittelt ist.

Die Bienenwachskerzen waren das einzige gut riechende Beleuchtungsmittel für die Häuser und Paläste. Dies galt für die Paläste der Pharaonen bis zu den Kathedralen, Schlössern und Festsälen im 19. Jahrhundert. So galt für die Feste und Feiern des Adels in der ausgehenden Neuzeit, dass von den Gesamtkosten etwa 30% auf die Beleuchtung mit Bienenwachskerzen entfielen. Das gemeine Volk musste sich mit den derbe riechenden und Ruß absondernden Pechfackeln begnügen und hatte sich generell auf ein Leben mit dem Tageslicht eingerichtet.

Diese immense Bedeutung der Bienen für die Menschen und die Organisation des Bienenvolkes hat in den vergangenen Kulturen und Staatenbildungen eine große Rolle gespielt.

Die alten Ägypter
(4000-100 v.Chr.)


Die Ägypter betrieben die Imkerei mit wissenschaftlicher Genauigkeit. Die Organisation des Bienenvolkes war ein Vorbild für die Staatenbildung. Wie noch heute allenthalben, so hatten schon die Pharaonen ihre Probleme mit dem Zusammenhalt der Menschen in diesem riesigen Reich – dem heutigen Ägypten und dem Sudan.

Das Bienenvolk besteht (im Sommer) aus 40.000 Einzelwesen, die jedoch nicht einzeln, sondern nur in einem Gesamtorganismus leben können. Jede Biene durchläuft in ihrem Leben 6 Phasen mit unterschiedlichen Aufgaben, Pflichten und Rechten. Als Garant für das Überleben des Volkes erkannten schon die Ägypter die Königin.

Aus dieser Organisation des Bienenvolkes begründeten die Pharaonen ihren Herrschaftsanspruch und verlangten von ihrem Volk die Aufgaben und Disziplin der Bienen. So wurde die Bienenkönigin zur Königshieroglyphe und schmückte unter anderem das Siegel der Königin Hatschepsut.

Für die Alten Ägypter war Honig die „Speise der Götter“ und galt als die Tränen des Sonnengottes Ra.

Schon die Ägypter nutzen den Zusammenhang zwischen Honig- und Wachs-produktion und den Erträgen in der Landwirtschaft. Bereits damals begann die heute noch übliche Wanderimkerei auf Booten auf dem Nil.

Honig war ein wichtiges Handelsgut und phasenweise sogar Zahlungsmittel. Zur Zeit Ramses II. bekamen die Beamten einen Teil ihres Gehaltes in Honig ausgezahlt. Ein Topf Honig hatte den Wert eines Esels.

Griechen & Römer


Im antiken Griechenland gab es bereits um 600 v.Chr. eine gesetzlich geregelte Imkerei. Die Bienen waren die „Vögel der Musen“ und galten als die Boten der Götter. Der griechische Göttervater Zeus trug den Beinamen des „Bienenkönigs“. Honig galt als Quelle der Weisheit und der Dichtkunst.

Honig diente als Schönheits-, Stärkungs- und Heilmittel. Der griechische Arzt Hippokrates (466-377 v.Chr.) schrieb ein Buch mit 300 Rezepten aus Honig- und Wachstinkturen gegen und für alles. Dies gilt allerdings zu 99% als von den Ägyptern abgeschrieben. So tranken die olympischen Athleten zur Stärkung Honigwasser.

Im antiken Rom zählte das Imkereiwissen zur Allgemeinbildung. Die wirtschaftliche Bedeutung war so groß, dass sich jeder Gutsherr gleich mehrere Imkersklaven hielt, die das Bienenhaus bewirtschafteten.

Wie bei den Griechen war Honig auch bei den Römern das universelle Heilmittel. Es wurde bei Fieber, Entzündungen, Wunden, Geschwüren, Verletzungen, Potenzstörungen, Depressionen, als Schlafmittel und vielem mehr verordnet.

Honig bei den Germanen,
im Mittelalter & der Neuzeit


Auch die Germanen verehrten Honig als Götterspeise. Odin, der germanische Göttervater, verdankte dem Honig seine Unsterblichkeit, Weisheit und Kraft. Die Germanen waren auch dem Honigwein (Met) zugetan. Ohne Met wurde kein Fest gefeiert und kein gefallener Held nach Walhalla geleitet.

Karl der Große übertrug das Bienen-Wissen der Antike nach Mitteleuropa. Er erließ Gesetze zum Schutz der Imkerei. Jeder Gutshof hatte einen Imker und einen Metbauern zu haben. Auch die Kirche war Förderer der Bienenzucht. Ihr und den Fürstenhöfen ging es um den Wachs für die Kerzen. In dem aus dem 19. Jahrhundert heraus geschriebenen BGB sind die Imkerrechte bis heute in den §§ 961-964 geregelt.

Im 16. Jahrhundert, aus den Kolonien, kam erstmals Zucker aus Zuckerrohr nach Europa. Dieser war sehr teuer und so nur den Fürstenhöfen vorbehalten. Erst im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung und der chemischen und technischen Austüftelung der industriellen Massenproduktion des Zuckers aus Zuckerrüben wurde der Honig als einziges Süßungsmittel abgelöst.

Heutzutage


Im südlichen Ural wird von den Ur-Einwohnern (Baschkiren) noch Wildbienenhonig geerntet. Diese Delikatesse erzielt in Moskau einen fünffach höheren Preis als Kaviar. In der Hadramaut Hochebene im Jemen produzieren die Bienen aus den Christusdorn-Blüten den Sidr-Honig. Diesen nennen die heimischen Stämme den „Honig Allahs“. Nur mit Glück kann man diesen in Dubai auftreiben – dann für den Preis von 200 € und mehr für ein Glas.



Albert Schröder, 2017

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